Frühen Ärger bei Babys verstehen

Schon kleine Kinder können in bestimmten Situationen ärgerlich werden. Wo kommt der Ärger her? Für Eltern stellt sich vor allem die Frage: Was möchte mein Kind mir damit sagen?

Hoch erfreut sind Eltern, wenn sie das erste Mal ein Lächeln ihres Babys erhaschen können. Diese neue Kommunikation zwischen dem Baby und seinen Hauptbezugspersonen lässt Herzen höher schlagen.

Aber wie ist das mit dem Ärger? Können Babys sich schon ärgern?

Tatsächlich kann man bereits am Ende des zweiten Lebensmonats Ärger in Gesichtern von Babys erkennen. Bereits 1993 konnte der Universitätsprofessor Michael Lewis bei acht Wochen alten Säuglingen in einem Experiment spannende Erkenntnisse gewinnen. In einem Versuch hatte Lewis Babys eine Schnur am Arm befestigt. Wenn die Babys daran zogen, ereignete sich etwas Interessantes. So tauchte plötzlich beispielsweise ein freundliches Bild in Verbindung mit einer Melodie auf. Die Babys verstanden den Zusammenhang zwischen ihrer Armbewegung und dem Bild schnell und wiederholten dies mit Freude. Doch Lewis wollte wissen, wie die Babys reagieren, wenn nach dem Ziehen an der Schnur kein spannendes Ereignis für die eintritt. Wie werden die Babys reagieren? Verlieren sie das Interesse und wenden sich ab?

Nein, im Gegenteil, sie werden ärgerlich und ziehen mit mehr Kraft an der Schnur als zuvor. Ihr Ärger verfolgt demnach einen Sinn und hat das Ziel, durch die Ärgerkraft das vorherige Ereignis wiederherzustellen.

Sehen sie dann, dass durch ihr Ziehen wieder die vorherige Melodie ertönt und das Bild sichtbar wird, verändert sich der Ärger und es taucht Freude im Gesicht der Babys auf. Die Babys sind also zuerst frustriert darüber, dass sich etwas Schönes verändert und reagieren daraufhin verärgert.

Der Ärger ist keineswegs feindselig oder wie wir schnell annehmen „böse“, sondern dient bereits bei so jungen Kindern der Selbstbehauptung (vgl. Lewis 1993). Das spannende ist, dass Kinder schon in einem so jungen Alter, also mit circa zwei Monaten spüren, dass sie selbst etwas bewirken können. Was also, wenn die Melodie und das Bild einfach so auftauchen und wieder verschwinden? Wie werden die zweimonatigen Säuglinge wohl reagieren? Interessanterweise sind sie in diesem Fall nicht verärgert, da sie das Ergebnis nicht beeinflussen können. Bei etwas älteren, viermonatigen Babys ist die hingegen anders. Sie beschweren sich deutlich und zeigen sich frustriert über diesen Verlust des Bildes (vgl. Lewis u.a. 1990). Martin Dornes schreibt: „Anscheinend frustriert es den Säugling früher, wenn eine Befriedigung, die er selbst herbeiführen kann, nicht mehr stattfindet, als wenn eine Befriedigung, auf deren Auftreten er keinen Einfluss hat, ausbleibt.“ (Dornes 2013, S. 261).

Haben sie keinen Einfluss darauf, zeigen sie sich nach vorheriger Anstrengung eher zurückgezogen oder gar ohnmächtig, Zeichen, die auch als Müdigkeit interpretiert werden könnten. Ältere Babys werden in dieser Situation eher aktiver und frustrieren.

Mein Baby kratzt mich, macht es das mit Absicht?

Mit zunehmendem Alter, verstärkt ab sechs bis acht Monaten, können wir Kinder beobachten, die auch ohne den Ausdruck von Ärger beginnen zu beißen, zu kratzen oder auch an den Haaren von anderen zu ziehen. Wir können davon ausgehen, dass dies aus Interesse geschieht, nicht aber um etwas oder jemanden zu schädigen. Solch ein Verhalten ist in der Regel immer auf die Entdeckerlust zurückzuführen. Interpretieren wir es als Boshaft, tun wir den Kindern damit Unrecht. Mit zunehmendem Alter wächst auch das Autonomiebedürfnis, was noch oft als Trotz bezeichnet wird. Dabei geht es den Kindern darum, ihr Bedürfnis nach eigenem Tun und selbstständigem Handeln auszuprobieren. Möchten wir sie vor Gefahren schützen und setzen dem Kind eine Grenze, reagiert es (in Abhängigkeit vom Temperament) mit Ärger. Dieser vergeht in der Regel, wenn sich das Kind nicht mehr eingeschränkt fühlt oder das Interesse auf etwas anderes gelenkt hat.

Wie reagiere ich auf den Ärger meines Babys?

Nehmen wir bei Babys und Kleinkindern Verärgerung wahr, so dürfen wir, statt ihnen ihre Gefühle abzusprechen, immer schauen: Wo kommt der Ärger her? Was möchte mein Kind mir damit sagen? Es kämpft in der Regel immer für sich und zeigt: Schau, ich fühle mich (z.B.) eingeschränkt und möchte, dass du meine Bedürfnisse wahrnimmst. Oder: Ich war gerade ganz interessiert und habe den Gegenstand erkundet und nun ist er weg, ich möchte weiter machen!

Kinder streben von Beginn an nach Selbstbehauptung und möchten ihre eigenen Bedürfnisse ausdrücken und sind auf Bezugspersonen angewiesen, die diese erkennen, beantworten und ihre Gefühle regulieren (vgl. Hohmann 2021)!


Literatur

  • Dornes, M. (2013): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt am Main: Fischer Verlag
  • Hohmann, K. (2021): Gemeinsam durch die Wut. Wie ein achtsamer Umgang mit kindlichen Aggressionen die Beziehung stärkt. Limbach-Oberfrohna: edition claus
  • Lewis, Mi. (1993): The development of anger and rage. In: R. Glick und S. Roose (Hrsg.): Gage, Power, and Aggression. New Haven und Londen (Yale Univ. Press), 148-168
  • Lewis, Mi., L. Alessandri, M. Sullivan (1990): Violation of expectancy, loss of control, and anger expressions in young infants. Developmental Psychology 26: 745-751

Die Autorin

Kathrin Hohmann ist Kindheitspädagogin (M.A) und Autorin. Seit 2015 schreibt sie auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de und auf Instagram @kindheit_erleben/ über die achtsame Begleitung in der Kindheit, sowie Fachtexte für verschiedene Portale. Im Februar 2021 erschien ihr ersten Buch: „Gemeinsam durch die Wut. Wie ein achtsamer Umgang mit kindlichen Aggressionen die Beziehung stärkt“ (im edition claus Verlag) und im Sommer Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten“ (im Herder Verlag). Für das niedersächsische Institut für frühe Bildung (nifbe) geht sie regelmäßig mit Expert:innen für den Podcasts ins Gespräch.

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